Menschen erzählen

Anita

Es ist düster im Raum. Keine Fenster. Eine Kakerlake krabbelt über verschimmelte Speiseresten.
Der Boden: Übersät mit Abfall. Die Matraze ist grau und stinkt nach Urin. Unter einer schmuddeligen Decke liegt die 20jährige Anita.

Sie ist bleich und ihre Wangenknochen stechen heraus. Gewicht: 28 Kilogramm! Ihr Bruder sitzt daneben. Er hustet und keucht. Beide haben Tuberkulose. Sie sind zwar in Behandlung, doch die Umgebung, in der sie leben, fördert die Besserung nicht.

„Doch da ist noch jemand!!!“
Der knapp zweijährige Jose spielt in einer Ecke. Seine Mutter Anita war mit ihm beim Doktor, da ihn eine grosse Spinne gebissen hatte. Sein Hals ist ganz geschwollen. Auch Anita hat eine offene Wunde von einem solchen Biss, doch wegen der starken Tuberkulose-Medikamente kann der Arzt zusätzlich nichts verschreiben. Anita sollte aufhören mit Stillen, muss sie doch die wenige verbleibende Energie für sich selber bewahren. Jose allerdings ist gesund, – ein Wunder!Anita und ihr Bruder hatten die meiste Zeit ihres Lebens auf der Strasse verbracht. Der Freund ihrer Mutter wollte die Kinder nicht in seiner Nähe haben.

Es ist Dienstagabend. Der Abend also, an dem wir mit dem Team „Alborada“ auf Strasseneinsatz sind. Der Besuch bei Anita gehört zum „Programm“. Jose rennt uns mit offenen Armen entgegen. Wir nehmen ihn und viele weitere Kinder aus dem gleichen verlotteten Haus mit auf die Strasse. Wir erzählen Geschichten, singen, verteilen Schokoladenmilch und Sandwitchs. In diesem Haus leben viele Familien.

Die Kinder wachsen in einem Umfeld voller Drogen, Prostitution und Gewalt auf.

Miriam Bernales

Die Kinder wachsen in einem Umfeld voller Drogen, Prostitution und Gewalt auf. Anita lernte ich bei meinem ersten Volontär-Einsatz in Lima im Jahr 2008 kennen. Damals waren sie und ihr Bruder auf der Strasse mit einer Bande unterwegs, stahlen viel und konsumierten Terokal (=Schuhputzleim). Anita hat Vertrauen zu uns gefasst. Wir begleiten sie und kontrollieren ihren Zustand. Wir beraten sie und versuchen sie zu ermutigen, sich selbst mehr Sorge zu tragen. Wenn es ihr schlechter geht, werden wir das Thema „Tod -und was mit Jose?“ ansprechen müssen. Gerne würden wir sie intensiver unterstützen.

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